Das Berufsbild des Heileurythmisten an Waldorf-/ Rudolf Steiner-Schulen


Ausbildung:

  • 4 Jahre Grundausbildung Eurythmie
  • Pflegepraktikum ( mind. 6 Wochen)
  • 1 ½ Jahre Therapiestudium Heileurythmie einschl. 7 Mon. Praktikum unter Anleitung eines dipl. Heileurythmisten
  • mit dem Abschlusskurs ( 4 Wochen ) und der Abschlussarbeit wird das Heileurythmie-Diplom erlangt.

Die Voraussetzung zur Ausübung dieses Berufes sind die Waldorf-/ Rudolf Steiner Schulen (z.Zt. 170 in Deutschland / Weltweit ca. 600)

Fester Bestandteil der Waldorfpädagogik ist der im Schulzusammenhang fest integrierte therapeutischer Bereich. Hier erhalten einzelne, aber auch kleine Gruppen von Schülern ihre individuelle Förderung.

In erster Linie geht es - im Sinne der Prävention- um gezielte Hilfen für die Ent-wicklung der Kinder, nicht um die medizinische Behandlung von Krankheiten. Dies geschieht an der Waldorf-/ Rudolf-Steiner Schule unter Mitwirkung von Lehrer, Schularzt, Eltern und Therapeuten. Es bedeutet, dass der/die Heileurythmist/in nur im Zusammenhang dieser Schulgemeinschaft seinen /ihren therapeutischen Auftrag erfüllen kann, d.h. in der Regel auch von dieser bezahlt werden müsste.

Die Aufgaben im Einzelnen:

(volles Deputat = 22 Schulstunden)

  • das Betreuen der Schüler, die aus dem päd./ therap. Gespräch ihm/ihr in der Heileurythmie anvertraut worden sind.(ca.7 Wochen - ein Quartal- 3-6 mal pro Woche, ca. 8-10 Einzeltherapien sind am Tag möglich )
  • den Kontakt zum Lehrer, Arzt evtl. anderen Therapeuten und den Eltern haltenregelmäßige Therapiekonferenzen mit allen Therapeuten
  • die Übungen, den Verlauf und den Zeitraum schriftlich festhalten
  • Hospitationen durchführen

Aufgaben in der Selbstverwaltung der Schule sind z. B.:

  • Aufsichten
  • Vertretungen
  • Konferenzarbeit
  • Klassenkonferenz
  • Festgestaltung
  • Eigene Fortbildung in Fachtagungen heileurythm. /päd./med. Art

Darüber hinaus ist der Kontakt zur med. wie päd. Sektion in Dornach zu halten. Liegen genügend Erfahrungen vor kommt das Betreuen von Praktikanten aus den Heileurythmieausbildungen dazu.

Die Berechtigung heileurythmisch am Kinde zu arbeiten ist aus der anthroposophischen Menschenkunde Rudolf Steiners ( Heileurythmiekurs GA 315, Heilpäda-gogischer Kurs GA 317), und dem gesamten pädagogischen - wie anthroposophischen Werk zu gewinnen.

Jede heileurythmische Maßnahme ist mit dem Arzt abzusprechen.

In das Aufgabengebiet des Heileurythmisten fällt auch bei Bedarf die heileurythmische Betreuung von Kollegen, in einzelnen Fällen wird auch mit Mutter/Vater und Kind die Heileurythmie geübt.

 

Mögliche Indikationen für Schulkinder sind folgende:

Konzentrationsschwächen, Zappeligkeit, Ungeschicklichkeiten der Fein- und Grob-motorik, Ängste, Aggressivität, rhythm. Störungen, Verspannungen, Deformationen jeglicher Art, Zahn-, Augen-, Sprachprobleme bis hin zu Haltungsanomalien und Legasthenie.

Besondere Hinweise sind durch die Konstitutionslehre Rudolf Steiners gegeben (groß-kleinköpfig, kosmisch/irdisch, phantasiereich/ phantasiearm, schwefelreich/ schwefelarm, rechts/ links).

Im weiteren wird es immer Berührungen geben mit Krankheiten wie Allergien, Neurodermitis, asthmatischen Erkrankungen, Opstipationen, Bettnässen u.s.w.

S. Junghans


Darstellung der prophylaktisch/kurativen Aufgaben der Schulärzte und Therapeuten an Waldorfschulen

Es war in alten Zeiten,
Da lebte in der Eingeweihten Seelen
Kraftvoll der Gedanke, dass Krank von Natur
Ein jeglicher Mensch sei.
Und Erziehen ward angesehen
Gleich dem Heilprozess,
Der dem Kinde mit dem Reifen
Die Gesundheit zugleich erbrachte
Für des Lebens vollendetes Menschsein

Rudolf Steiner

Die Waldorfpädagogik wurde 1919 von R. Steiner begründet mit der Aufgabe, sowohl pädagogisch/hygienisch als auch prophylaktisch/kurativ in ein gesundes Erwachsenenleben zu führen. Der therapeutisch/prophylaktische Bereich der Waldorfschulen gründet sich auf eine Erfahrung von 80 Jahren bei einer Ausbreitung von ca. 600 Schulen weltweit und ca. 170 Schulen in Deutschland.

Von kompetenter pädagogischer wie auch medizinischer Seite wird heute die frühzeitige Erkennung und Behandlung von Entwicklungsauffälligkeiten und –Störungen gefordert:

  • vom Berufsverband der Kinderärzte im Mai 1995 in Nellingen mit der Forderung nach hauptamtlichen Schulärzten für jede Schule.
  • im März 2000 in Weimar mit dem Thema: Macht Schule krank? Mit der Forderung nach besserer Zusammenarbeit der Ärzte und Lehrer für eine nachhaltige Verbesserung der Jugendgesundheit.
  • der immer stärker werdende Prophylaxe-Gedanke der Gesundheitsämter.
  • Es werden Modelle erarbeitet, in denen die gesundheitliche Förderung von Kindern und die Sonderfinanzierung von Projekten im Rahmen von wissenschaftlichen Studien durchgeführt werden ( z. B. das GimS-Projekt Bielefeld getragen von der AOK und anderen).
  • Die Ottawa-Charta mit dem Konzept der gesundheitsfördernden Schule und deren Vernetzung spiegelt wiederum lediglich das Programm der Waldorfschulen wieder und ist von diesen deshalb intensiv zu unterstützen.

Die Waldorfpädagogik beruht auf dem anthroposophischen Menschenbild, in dem Krankheit nicht verstanden wird als Abweichung von der "normalen" Gesundheit, sondern als Disharmonie zwischen Körper, Seele und Geist des Menschen. Diese ist nicht in erste Linie zu reparieren, jedoch die vom Kind/Jugendlichen bewusst ergriffene Harmonisier-ung dieser Dreiheit ermöglicht die Selbstheilung und somit die Vorraussetzung einen weiteren Schritt auf dem Lebensweg zu gehen.

Gesundheit im Sinne der Salutogenese heißt:` Gesundheit im ganzheitlichen Sinne darf nicht auf Schmerzlosigkeit und gute Laune reduziert werden. Gesundheit ist Energie, ist etwas Aktives, ist Voraussetzung für Lern- und Einsatzbereitschaft, gute Zusammenarbeit Ausdauer, Leistung und Kreativität.

 

 

Die WHO definiert Gesundheit über sieben Kriterien (Hildebrandt):

  • ein stabiles Selbstwertgefühl;
  • ein positives Verhältnis zum eigenen Körper;
  • die Fähigkeit zu Freundschaft und sozialen Beziehungen;
  • eine intakte Umwelt;
  • eine sinnvolle Arbeit und gesunde Arbeitsbedingungen;
  • Gesundheitswissen und Zugang zur Gesundheitsversorgung;
  • Eine lebenswerte Gegenwart und die begründete Hoffnung auf eine lebenswerte Zukunft.

In der Waldorfpädagogik wird die Harmonisierung des Gesamtmenschen im wesentlichen durchdie Gestaltung und Rhythmik des Unterrichts ermöglicht. Hygienisch, prophylaktisch und gesundend wird auf den ganzheitlich zu betrachtenden Menschen gewirkt. Bedingt durch diese Grundlage gehört zu jedem Waldofschulkollegium ein Schularzt, der über den Gesundheitszustand der Kinder und Jugendlichen informiert ist und sowohl den Pädagogen Hinweise geben kann (hygienisch/pädagogischer Bereich) als auch den Therapeuten der Schule ärztliche Diagnostik zur Verfügung stellt.

Zum Therapiebereich einer Waldorfschule gehören Heileurythmie, künstlerischeTherapie, Sprachtherapie, Musiktherapie und der Förderunterricht. Die therapeutischen Maßnahmen finden weitgehend in Einzel- oder Gruppentherapien statt.

Die eigentliche Zielrichtung der schulischen Therapie ist, die Integration in das Unterrichts-geschehen zu ermöglichen und Kinder von einem schulischen Versagen zu bewahren, vor allem aber Gesundheit anzulegen.

 

 

Behandelt werden im Sinne der Prophylaxe:

  • Körperliche und seelische Disharmonien
  • Haltungsprobleme
  • Ungeschicklichkeiten ( Dyspraxien)
  • Unruhezustände ( MCD, HKS, POS, ADH, ADS, ADHS...)
  • Sprachstörungen und Sprachentwicklungsverzögerungen
  • Legasthenie
  • Linkshändigkeiten, Gemischtdominanzen
  • Psychische Auffälligkeiten
  • Extreme Schüchternheit
  • Ängstlichkeiten
  • Aggressionen, etc.

Im kurativen Sinne werden als Begleittherapie vor allem mitbehandelt:

  • Allergien
  • Wirbelsäulenschäden
  • Rezidivierende Kopf- bzw.
  • Bauchschmerzen
  • Bettnässen u. ä.

 

In einer Schule, die unter dem Motto

Erziehung = Heilung
arbeitet, spielen drei Begriffe eine Rolle: Hygiene, Prophylaxe, Therapie

Während Hygiene hier die normale Gesundheitspflege meint, also:

  • Ernährung
  • Kleidung
  • Elterngespräche
  • Schlaf-Wachbedingungen
  • Rhythmen
  • Freizeitaktivitäten
  • Entwicklungsverständnis
  • Umgang mit Medien
  • Drogenproblematik
  • Sexualerziehung u. v. m.

bedeutet Prophylaxe : das Wahrnehmen von Entwicklungsverzögerungen, das Wahrnehmen vom Entstehen der Krankheit sodaß der Versuch unternommen wird, gezielt einem Kind bzw. Jugendlichen zu helfen, mit Problemen fertig zu werden, die, wenn sie unbeachtet bleiben, in Zukunft zu Krankheiten führen würden und deren frühzeitige Behandlung im Sinne der " Krankenkasse als Gesundheitskasse" kostensparend wirkt.

Während bei der Hygiene der Pädagoge weitgehend allein agiert ( unterstützt durch Hinweise des Schularztes, der Therapeuten und natürlich durch die Eltern), bedarf die Prophylaxe der Führung durch den Arzt und therapeutisch ausgebildeter Personen, die gewohnt sein müssen, vorläufige Diagnosen, Zustände therapeutisch anzugehen, im Team Beobachtungen auszutauschen, Therapien individuell anzupassen sowie wiederum den Pädagogen und Eltern Verhaltensmaßnahmen an die Hand zu geben.

Als wirksam und erfolgversprechend hat sich ein Behandlungszeitraum von ca. 7 Wochen, ein Wochenrhythmus von 3 bzw. 6 Tagen in Folge, mit 15-25 Min. plus Nachruhe pro Behandlung in der Waldorfschule erwiesen.

Der Heileurythmist an der Waldorfschule hat grundsätzlich den gleichen Ausbildungsgang wie der in der Klinik, freier Praxis, ist selbstverständlich Mitglied im BVHE und hat die Pflicht aufgabenbezogene Fortbildung zu betreiben. Dies gilt besonders für Wechsler aus anderen Institutionen, sowie für Heileurythmisten die wieder neu in diesen Beruf einsteigen.

Die Waldorfschulen als Arbeitgeber orientieren sich an diesen Richtlinien.

 

Das Konzept, die Struktur, das Profil einer Waldorfschule ist durch R. Steiner und die von ihm entwickelte anthroposophische Menschenkunde vorgegeben. Sie beinhaltet die Aufgaben, den Menschen durch Wissenschaft, Kunst und Religion zur Freiheit im Denken, Fühlen und Handeln zu erziehen; die Voraussetzung dazu ist Gesundheit, die durch den pädagogischen Ansatz mit Hilfe der Schulärzte und Schultherapeuten beständig erworben wird.

 

Sebastian Junghans, Eva Maria Bader

Remshalden, den 26. 03 03